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Gesucht!

Schlüter, Andreas

Rezension von Hyndara

Kea hat es nicht einfach. Sie ist schüchtern und hat kaum Kontakt zu anderen, weil sie auch vollkommen unsicher aufgrund ihrer Hautfarbe ist, denn ihre Eltern stammen aus Südafrika. Ihren Klassenkameraden ist das an für sich vollkommen gleichgültig, bis - Kea plötzlich spurlos verschwindet.

Paula hat Kea als letzte gesehen. Im Einkaufszentrum. Dort lief Kea den Prinzessinnen, einer Mädchengang übelsten Rufes, über den Weg und wurde von den Vieren brutal erniedrigt und mißhandelt. Kea ging daraufhin in einen nahegelegenen Supermarkt - und verschwand quasi vor Paulas Augen.

Dann wird die Leiche einer alten Frau gefunden, die im gleichen Haus wohnte wie Paula. Schnell kommen eigenartige Gerüchte auf, nach denen ausgerechnet Kea für die gewaltsamen Tod der Frau verantwortlich ist. Doch Paula kann das einfach nicht glauben. Mit ihrer besten Freundin Myrte und der Hilfe des Lehrlings aus dem Supermarkt, in dem Kea verschwand, Matze beginnt sie mit eigenen Nachforschungen - und stößt ständig auf die vier „Prinzessinnen“ ...

Jugendgewalt wird leider auch immer mehr hierzulande ein Problem. Dabei scheint es viel zu oft so, als hätten eben diese Jugendlichen überhaupt keine Hemmungen mehr, als würden sie, wenn sie könnten, alles in der Luft zerreißen und sich an Blut und Eingeweiden ergötzen.

Der Staat sucht, meines Erachtens, viel zu oft nach den falschen Gründen. Da werden Computerspiele verboten und brutale Hollywoodstreifen für etwas verantwortlich gemacht, das für Erwachsenen nur schwer nachvollziehbar ist. Dabei sollte man selbst hierzulande wenigstens Teenagern wesentlich mehr Verstand zutrauen als es heute wohl der Fall ist.

Aber woher stammt diese Gewaltbereitschaft? Nun, darauf weiß ich, ehrlich gesagt, auch keine Antwort. Auch Andreas Schlüter bietet in seinem Roman „Gesucht!“ eine solche nicht wirklich. Er zeigt vielmehr das Fehlverhalten auf, skizziert gekonnt das Mitläufertum. Fast könnte man meinen, aus seinem Handlungsort, einem Viertel für Sozialschwächere, zumindest Teile einer Antwort herausdeuten zu können.

Tatsache ist, daß heutige Jugendliche kaum eine Perspektive für ihre Zukunft sehen. Wer nicht das Glück hat, eine Lehrstelle zu ergattern oder sich fortbilden zu können, wird viel zu oft gerade auch von Komune, Land und auch dem Staat alleingelassen. Statt sich wirklich einmal mit den Problemen der Sozialschwachen auseinanderzusetzen, kommen gerade von den „Spitzenpolitikern“ solche Sprüche wie: „Hartz-IV-Empfänger müssen nicht in Urlaub fahren.“ Wie ein Hartz-IV-Empfänger von seinem wenigen Arbeitslosengeld II überhaupt auch nur an Urlaub denken soll, besitzt er nicht gerade reiche Verwandte, die etwas dazusteuern können, dies sehen die Politiker nicht. Es ist ja auch viel einfacher, Arbeitslose gleich welchen Alters als arbeitsscheu zu verdammen als sich einmal anzusehen, welche Firmen ihre Produktionen jetzt wieder ins Ausland verschieben oder gar gleich in Konkurs gegangen sind. Statt neue Arbeitsstellen zu schaffen, hackt man lieber auf den Unliebsamen herum - ist auch viel bequemer, oder?

Ein zweiter Punkt, den Schlüter in seinem Roman anspricht, kann ich persönlich sehr gut nachempfinden - wenn auch nicht mit so positivem Ausgang (zumindest nicht in so kurzer Zeit), wie er Kea widerfährt. Introvertierte Kinder und Jugendliche haben es generell schwer, sich gegen ihr schulisches Umfeld durchzusetzen. Dazu kommt, daß, zeigt man sein Wissen, man gleich als Streber verschrien ist und erst recht von allen Seiten gepiesackt wird. Daß ein heranwachsender Mensch aus einer solchen Behandlung seelische Störungen zurückbehält, die, wenn überhaupt, nur sehr, sehr schwer im Erwachsenenalter verheilen, dies sehen die Mitschüler nicht. Irgendwo muß man doch schließlich seinen Frust ablassen, das ist heute noch so wie vor zwanzig und mehr Jahren.

Kea haut von zu Hause ab, nicht wegen ihrer alleinerziehenden Mutter, die nie Zeit für sie hat. Auch nicht wegen ihres Vaters, der schon vor Jahren zurück nach Südafrika gegangen ist (auch wenn sie sich selbst das zu Anfang einredet). Nein, sie geht, weil sie nicht mit der Situation klarkommt, sie ganz allein ist, als es hart auf hart kam. Scheinbar scherrt es niemandem, ob und was mit ihr passiert. Warum also sein Glück nicht woanders versuchen? Schlimmer als es in der Schule ist, kann es an diesem anderen Ort auch nicht sein.

Es gibt das Sprichwort „Kinder sind grausam“. Nun, Teenager sind grausamer, und die wenigsten sehen ein, was sie da verbockt haben, kommt es hart auf hart. Die Rebellion gegen die „Alten“, der Zwang, zur Schule zu gehen und gute Noten nach Hause zu bringen, vielleicht auch noch jüngere Geschwister, auf die man aufpassen muß, wenn man doch lieber mit seinen Freunden herumhängen will - mit einem Wort: Frust. Der muß irgendein Ventil finden. Warum also nicht den- oder diejenige, die eh nicht in der Klassengemeinschaft ist, der/die sich nicht einfügt, zu still, zu schwach, zu angreifbar sind. Übernimmt einer das Rudel, heulen die anderen mit. Und in seltenen Fällen fühlen sich auch noch die Lehrer befleißigt, sich an der allgemeinen Mobbingkampagne zu beteiligen, dann ist die Hölle für den Betreffenden perfekt und ein Teufelskreis beginnt, der zu ernstzunehmenden seelischen Störungen, in manchen Fällen sogar zur Selbsttötung führen kann. Nur weg, ganz weit weg. Niemandem ist zu trauen, das lernen diese Opfer leider viel zu schnell. Und dieser Satz wird prägent für den Rest ihres Lebens. Die Täter dagegen erinnern sich irgendwann nicht mehr an ihre Taten, empfinden sie nicht mehr als schädigend und verletzend. Wozu entschuldigen, wenn man doch eigentlich nur Witze gemacht hat.

In dieser Hinsicht ist Schlüter etwas zu blauäugig. Nur weil ein Opfer das Weite sucht, stehen die anderen ihr nicht gleich aus purem schlechten Gewissen bei. Ganz im Gegenteil gibt doch gerade so ein verunglückter Abflug noch weitere Angriffsfläche. Wie kann man denn so dämlich sein und sich erwischen lassen, oder, wie in diesem Fall, freiwillig zurückkommen, wenn man doch schon so weit gekommen ist.

Auch läßt der Autor die Folgen eines Ausreißversuches verschwinden, beendet seinen Roman an der Stelle, die für mich persönlich am interessantesten gewesen wäre. Aber, hallelulja, die Mädchengang ist ja endlich überwunden, Kea wieder da und völlig unschuldig am Tod der Alten. Die Welt ist wieder in Ordnung. Ist sie NICHT! Aber der Autor beendet seinen Roman.

Ich hätte mir gewünscht, noch ein wenig mehr in die „Opfer“-Figur Kea eindringen zu können. Auch wenn sie vielleicht nicht der interessanteste Charakter des Buches ist, ist sie doch die Hauptfigur. Ihre inneren Kämpfe sind nicht so gut herausgearbeitet. Vielmehr geht es um Gewalt und Angst, die sich durch Gewalt bildet. Schade.

Alles in allem ein beklemmender Roman. Eine Sicht auf die heutige Jugend, die gleichzeitig auch eine Rückschau ist, zumindest ein Stück weit. Noch immer gibt es Opfer, und es wird sie wohl immer geben. Das Gesetz des Dschungels: Der Stärkere überlebt. Und falls der Schwächere es auch schafft, wird er für immer gezeichnet sein, was den Stärkeren aber nicht die Bohne interessiert. Immerhin ist er der Boß. Ein Roman, der spannend ist, ohne zu sehr zu übertreiben. Ein Roman, den Jugendliche lesen sollten, damit sie vielleicht endlich begreifen, daß nach unten treten denjenigen unter ihnen verletzt. Die Hoffnung immerhin stirbt zuletzt.

Herstellerinfo:
„Die Prinzessinnen“ sind die gefürchtetste Bande der Gegend. Die vier Mädchen sind nicht nur brutal, sondern auch vollkommen skrupellos. Wer sich ihnen widersetzt, wird krankenhausreif geprügelt. Das bekommt auch Kea zu spüren, deren Vater Südafrikaner ist und die den Prinzessinnen allein durch ihre Hautfarbe unliebsam auffällt. Das üble Quartett mißhandelt Kea und erniedrigt das wehrlose Mädchen. Kea will nur noch eins: einfach verschwinden. In einer Panikreaktion versteckt sie sich im Laderaum eines Lasters undn reißt aus. Als im Ort eine alte Dame durch die Schuld der Prinzessinnen zu Tode kommt, lenken die Mädchen den Verdacht gezielt auf Kea ...

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Wertung

 

Gesamt:

(Gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Spannend)

Brutalität:

(Jugendfrei)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Deutschland

Zeit:

2006

Autor:

Schlüter, Andreas

Verlag:

Arena, Würzburg

Erschienen:

Sep. 2006

Kritiker:

Hyndara

ISBN:

3-401-02454-X

ISBN(13):

978-3-4010-245-7

EAN:

9783401024547

Typ:

Taschenbuch

 

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