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Der Sündenfall

Amidon, Stephen

Rezension von Frank Wenzel

„The Observer“ bezeichnet „Der Sündenfall“ laut Klappentext als ein „Gesellschaftsporträt“. Zu der Gesellschaft, wie sie der Observer zu kennen glaubt, zählt Stephen Amidon den Immobilienmakler Drew Hagel. Seine Firma erbte er von seinem Vater, doch das alteingesessene Unternehmen verwandelte Hagel in eine zweit- oder drittklassige Klitsche. Dass er im Leben sowohl privat als auch geschäftlich gescheitert ist, sieht Hagel nicht. Verzweifelt versucht er, finanziell wieder auf die Beine zu kommen, bevor die Konkurrenz auch seinen Laden übernimmt. Seine Ehe mit Ronnie, seiner zweiten Frau, steuert auf die Geburt von Zwillingen hin; aus seiner ersten Ehe stammt die Tochter Shannon, deren Mutter Anne sie nicht zu sich nehmen wollte.

Hagel investiert in den Hedgefonds eines sogenannten Freundes, der ihn erst durch die bedenklich große Investition in die besseren Kreise der Vorstadt einschleust. Für Hagel bedeutet das riskante Investment ein Spiel auf Alles oder Nichts; sollte der Fonds nicht die Dividenden abwerfen, die ihm – todsicher! – versprochen wurden, schaut es schlecht aus mit dem erstrebten Wohlstand.

Doch es kommt schlimmer, als Hagel es sich vorstellen kann: der Fonds büßt große Teile seines Wertes ein, sein sechsstelliges Investment ist nur noch einen Bruchteil wert. Er steht vor dem Ruin, denn sein Wohnhaus ist bis zur Grenze belastet. Doch er schiebt es von Tag zu Tag hinaus, mit Ronnie darüber zu sprechen.

Zur selben Zeit im Hause Quint, der Familie des Investmentbankers: Ehefrau Carrie funktioniert mit gewissen Abstrichen in der Ehe, Sohn Jamie dagegen läuft aus dem Ruder, als seine Beziehung mit Shannon (Hagels Tochter) in die Brüche geht. Die hat von seinen Eskapaden, dominiert durch exzessive Trinkgelage, genug und trennt sich von ihm. Stattdessen geht sie eine Liaison mit Ian ein, einem elternlosen jungen Mann, der kurz vor seiner Volljährigkeit steht und auf den eine große Erbschaft wartet. Bis zu diesem Datum muss er wegen einiger Verfehlungen, zu denen auch der Konsum von Drogen zählt, regelmäßig die Bewähungshilfe aufsuchen und therapeutische Gespräche mit Ronnie, Hagels Ehefrau, führen. Bei einem dieser Gesprächstermine lernen sich Shannon und Ian auf dem Flur kennen, woraus sich die besagte Liebschaft entwickelt.

Carrie dagegen, Jon Quints gutaussehende Ehefrau, klammert sich an ein leerstehendes Kino, das sie mit einer kleinen Arbeitsgruppe wieder in Schuss bringen will. Das Kino ist ein Traum von ihr, Jon hat ihr die finanziellen Ressourcen zur Modernisierung beiseite gelegt. Deshalb fällt sie aus allen Wolken, als Jon von der Fondsmisere und dem damit einhergehenden Einschränkungen berichtet. Der Kinotraum zerplatzt.

Auch bei Shannon, die ihre Schulzeit frisch beendet hat, schlägt die Wirklichkeit mit Wucht durch. Sie wird gebeten, ihren sturzbesoffenen Exfreund Jamie von einer Party nach Hause zu fahren. Eigentlich besteht keine Notwendigkeit dazu, aber sie macht es trotzdem. Ian, der neue Freund, von dem aber niemand erfahren soll, steuert Jamies Wagen, während Shannon in ihrem Fahrzeug Jamie transportiert. Ian überfährt einen Radfahrer, aber sie halten nicht an, sondern befördern Jamie – der zu betrunken ist, um das Unglück zu bemerken – in sein elterliches Heim.

Der Fahrradfahrer stirbt wenige Tage später. Shannon gibt das Geheimnis um den Täter nicht preis, behauptet nur, dass Jamie auf keinen Fall gefahren ist. David, der Ian als nächster Verwandter unter seine Obhut genommen hat, versucht den Jungen zu schützen. Die Polizei ermittelt, Jamie wird aufgrund der Indizien verdächtigt, eine Hetzjagd beginnt, in die sich Hagel später einschalten kann, um doch noch sich und seine Familie vor dem finanziellen Absturz retten zu können ...

Stephen Amidon will sehr viel: er möchte der amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Sie soll sehen, wie sehr sie darauf erpicht ist, finanziell situiert zu sein und einen „guten“ sozialen Status inne zu haben. Hagel hatte Geld, verlor es, möchte es wieder haben. Quint hat Geld, droht es zu verlieren und versucht alles, um das zu verhindern. Ian wird Geld haben, auf das David ein Auge geworfen hat. Die beiden Ehefrauen Ronnie und Carrie müssen sich keine finanziellen Sorgen machen. Und für die Zukünfte der jeweiligen Kinder scheint gesorgt zu sein. Die persönlichen Probleme der Familienmitglieder sind dabei zweitrangig, Wünsche und Träume haben sich dem Geldaspekt unterzuordnen. Daraus resultiert auch, dass niemand mit dem anderen sprechen kann, weder über das, was Sorgen bereitet (die Beziehungsprobleme und ähnliches), noch über die Pläne für die Zukunft. Jeder lebt für sich, alle leben nebeneinander her. Und alles steuert, bedingt durch den Verkehrsunfall, auf ein tragisches Ende hin.

Und alles ist nicht neu, und alles hatten wir schon einmal. Die Dekonstruktion irgendwelcher „Wirklichkeiten“ will deshalb so erzählt sein, dass beim Leser Interesse geweckt wird und er Anteilnahme nimmt. Das geschah zuletzt für mich bei T. C. Boyles „América“, in dem er zwei sich konträr gegenüberstehende gesellschaftliche Repräsentanten aufeinander treffen ließ. Bei „Sündenfall“ haben wir die Upper Class und die Middle Class unter sich, mehr oder weniger situierte Familien, denen es im geschäftlichen Sinne „gut“ geht, auch wenn beide von – Oweia! – Armut bedroht zu sein scheinen. Was natürlich völliger Quatsch ist, denn Quint wird seine Schäflein (als gewiefter Geschäftsmann) irgendwo auf dem Trocknen haben, Hagels Ehefrau ist als Psychologin recht erfolgreich. Jammern also auf hohem Niveau, und das in einem amerikanischen Roman ... (Wie deutsch sind eigentlich die Amerikaner?) Da lamentieren also Leute mit reichlich Essen auf dem Tisch und ordentlich PS unter der Motorhaube über wirtschaftlich Niedergang.

Und darüber, dass bei der Jagd nach Penunzen die Liebe und das Verständnis untereinander verloren gegangen sind. Wenn interessiert das wirklich? Okay, es könnte sich zum Nachdenken anbiedern, wenn der Leser daraus Schlüsse ziehen könnte, für sich, für sein Leben, für was-weiß-ich. Aber als Anklage der amerikanischen Gesellschaft? Erwarten wir nicht genau das, was Amidon wiedergibt, bar jeder Überraschung, ohne jede Finesse oder unerwartete Kehrtwendung im Handlungsgerüst? Ach ja, die Handlung: leidlich spannend erzählt, aber doch ohne einen Sprung ins kalte Becken, sprich: linearer Plot mit einem absehbaren Ende. Der arme Junge (der damit den Reichtum verpasst, auf den er aber – noch! – gar nicht erpicht ist) springt über die Wupper. Weil ihm keiner zuhörte und niemand die Signale (also Hilferufe) früh genug gesehen hat.

Eine weitere Schwäche von „Sündenfall“ ist die ausufernde Legion der Handlungsträger. Mal steht Hagel vorne, dann drängt sich Shannon ins Blitzlichgewitter, hernach kommt Ian an die Reihe, gefolgt von David oder Carrie. Alle rücken in den Fokus, doch niemand wird hell genug ausgeleuchtet, dass er im Hinterkopf des Lesers seinen Platz einnehmen kann. Ganz ehrlich: die Schwierigkeiten von Mrs. Carrie und Mr. Hagel jucken den Leser nicht im Geringsten, die Personen bleiben fremd und ohne Tiefe und gänzlich ohne Wärme. Selbst als Carrie ganz zum Schluss Versöhnung feiert mit Shannon, bleibt alles glatt poliert. Und schematisch bis zum Überdruss: hier die bösen Männeken, geldgeifernd, dort die sinnsuchenden Frauen, weltentfremdet. Und dann noch Carries Reinwaschung am Ende: sie, die sich einen feuchten Kerricht um ihre Zöglinge schert, ihre beiden jüngsten Söhne mehr als Ballast anzusehen scheint und nicht einmal weiß, wo sie ihre freie Zeit (im verwilderten Garten nämlich, den sie nach vielen Jahren zum ersten Mal betritt) verbringen, sie also erhält im letzten Absatz ihre Absolution, denn sie lässt Amidon der „befreiten“ Carrie beim Neuanstrich der Wohnung helfen. Das summiert sich alles zu einem unbefriedigenden Lesererlebnis ...


- Frank Wenzel -

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Wertung

 

Gesamt:

(Mittel)

Anspruch:

(Entspannend)

Spannung:

(Langatmig)

Brutalität:

(Jugendfrei)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Autor:

Amidon, Stephen

Verlag:

Goldmann, München

Erschienen:

Feb. 2006

Kritiker:

Frank Wenzel

ISBN:

3-442-31096-2

ISBN(13):

978-3-4423-109-8

EAN:

9783442310968

Typ:

Hardcover

 

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