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Private Eye - Regelwerk: Detektiv-Rollenspiel im viktorianischen England

Bayer, Thilo; Steiner, Jan Ch; Schlauch, Peter; Lindner, Martin

Rezension von Arielen
Aus der Reihe "Private Eye"

Man mag es kaum glauben, aber „Private Eye“ ist eines der Rollenspiele mit einer sehr langen Geschichte. Bereits vor zwanzig Jahren erschien die erste Ausgabe des Systems, damals noch in einer recht fannischen Ausgabe und mit vielen Lücken und Schwächen.
„Private Eye“ erlebte noch zwei weitere Editionen, in denen die Fehler ausgemerzt und Erweiterungen hinzugefügt wurden. Langsam aber sicher nahm es eine Form an, die der heutigen ähnelt, da es auch von einem professionellen Verlag übernommen wurde. Es sollte allerdings fünfzehn Jahre bis zur heutigen, aktuellen Version dauern.
Schon früh unterschied sich „Private Eye“ von den anderen Rollenspiel-Systemen. Während andere noch auf möglichst ausgefeilte Regelwerke setzten, achtete man hier darauf, mehr das Erzählspiel in den Vordergrund zu stellen.
Wie in „Vampire“ und „Werewolf“ waren Kämpfe weniger wichtig, im Mittelpunkt stand die Interaktion der Spieler miteinander und mit den Nichtspielerfiguren. Kein Würfelwurf entschied darüber, ob ein Charakter eine wichtige Information erhielt, sondern die Überzeugungskünste und richtigen Fragen des Spielers.
Diesem Grundsatz ist man auch jetzt treu geblieben. Das Vorwort macht bereits deutlich, dass hier die Atmosphäre Vorrang vor den Regeln hat. Besser man lässt die ein oder andere Weg, als das lebendige Spiel in der Gruppe zu stören.

In „Private Eye“ wandelt man kurz gesagt auf den Spuren von Sherlock Holmes und anderer Detektive des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Die Spieler schlüpfen in die Rollen von Figuren aus der spätviktorianischen Epoche. Neben den klassischen Rollen wie Berufsdetektiv und Journalist kann man auch in ungewöhnlichere Rollen schlüpfen.
Gerade weiblichen Charakteren bietet das Spiel hier eine besondere Herausforderung, da die Emanzipation selbst noch in den Kinderschuhen steckte und nur einige wenige Frauen aus den ihnen vorbestimmten Rollenmustern ausgebrochen waren. Aber auch sonst können gesellschaftliche Unterschiede interessante Entwicklungen in einfach lösbar erscheinende Fälle bringen.
Das Buch widmet sich erst einmal der Erstellung des Spielercharakters. Dazu werden einige Werte festgelegt, teils durch Würfelwurf, teils aber auch durch Absprachen mit dem Spielleiter, wenn ein besonderer Hintergrund für die Figur ins Auge gefasst wurde. Die Werte dienen hauptsächlich dazu, um ein wenig den Zufall ins Spiel einzubringen.
Welche Proben praktisch und notwendig sind, wie man die Fähigkeiten der Charaktere steigern kann oder wie man bei der Simulation von Kämpfen verfährt, wird des weiteren beschrieben, dann erst folgt eine Auflistung der sinnvollsten Berufe und ihrer Schwerpunkte in den Fähigkeiten und Kenntnissen.
Anders als in anderen Spielen wird hier genau zwischen den Geschlechtern getrennt. Wer bereits frühere Editionen von „Private Eye“ sein eigen nennt, bekommt auch die genauen Veränderungen genannt.
Ein weitaus größerer Raum nimmt die Darstellung des Hintergrundes ein. Damit die Fälle auch im richtigen Ambiente gelöst werden können, haben die Autoren all das versammelt, was für das Spiel wichtig sein kann.
Dazu gehört eine Beschreibung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England, im Besonderen in London. Diese Zeit brachte in allen Bereichen des Lebens große Veränderungen mit sich, und das ist selbst in den ungewöhnlichsten Bereichen spürbar. Gesellschaftliche Unterschiede und Klassengrenzen waren ebenso spürbar wie der frühe Imperialismus und durch die Kolonien auch der Hauch der weiten Welt. Der Mensch definierte sich oft auch nur über Äußerlichkeiten, deshalb wurden auch Kapitel über Mode, Freizeitgestaltung und Umgangsformen hinzugefügt.
Aber auch die Stadt selbst wird ausführlich unter die Lupe genommen, denn eben einem DIN A1 großen Stadtplan von Zentral-London gibt es auch noch eine komprimierte Beschreibung der entsprechenden Stadtviertel und der wichtigsten Beförderungsmittel dieser Zeit.
Ein weiteres Kapitel ist der Kriminalität gewidmet. Mit welcher Art von Fällen können es die Helden zu tun bekommen. Wie verfolgen sie Spuren – und wie weit war die Spurensicherung überhaupt schon fortgeschritten? Wer übernahm die Untersuchung der Leichen. Dabei machen sie recht schnell deutlich, dass zwischen damaligen und heuten Ermittlungsmethoden Welten liegen können.
Wer waren die Täter und gab es auch Berufsverbrecher? Wie urteilten später Recht und Gesetzt? Welche Strafen erwarteten die Schuldigen und gegebenenfalls auch die Detektive, wenn sie bei all zu illegalen Handlungen erwischt wurden? Wie sah Scotland Yard aus, und wie war die City of London Police organisiert?
Schließlich verlieren die Autoren noch ein Wort über berühmte Kriminalfälle der Zeit und nicht zuletzt über Sherlock Holmes. Der Detektiv kann in der Spielrunde auftreten, muss es aber nicht.
Ein sofort spielbares Abenteuer rundet das Regelwerk ab. „Familienglück“ ermöglicht durch drei verschiedene Handlungsebenen Spielern und Spielleitern mit dem System warm zu werden ohne sich noch einen zusätzlichen Band besorgen zu müssen. Die ausführlichen Erklärungen verdeuten die wichtigsten Spielmechanismen und helfen dann auch, selbst Abenteuer zu entwickeln.
Die letzten fünfzehn Seiten sind dann noch den obligatorischen Tabellen und Checklisten gewidmet.

Wer schon immer davon geträumt hat, auf den Spuren von Sherlock Holmes zu wandeln und entsprechende Abenteuer zu erleben, kann sich diesen Wunsch mit „Private Eye“ erfüllen. Das mit viel Liebe und Mut zum Detail ausgestaltete Regelwerk ermöglicht, das Ambiente der spätviktorianischen Epoche zum Leben zu erwecken und gleichzeitig spannende Abenteuer zu entwickeln.
Hinter der Fassade einer perfekt scheinenden, gutbürgerlich ausgerichteten Gesellschaft verstecken sich so manche unangenehmen Geheimnisse, die höchst unterschiedlichen Figuren ermöglichen, ihren Teil zur Lösung des Falls beizutragen. Dabei steht vor allem das Erzählspiel im Vordergrund. Der Spielleiter ist entsprechend gefordert, Übersicht über den zeitlichen Verlauf, die Schauplätze und NSC’s zu behalten, da er die Gruppe nur bedingt lenken und ihnen die entsprechende Ermittlungsarbeit selbst überlassen sollte.
Zudem ist es wichtig, dass er sich genau überlegt hat, wie die Tat eigentlich ausgeführt wurde und welche Motive dahinter steckten, denn mit der Stärke und Variationsmöglichkeit dieser Schlüsselelemente fällt unter Umständen auch das gesamte Abenteuer in sich zusammen. Genau das aber fordert vor allem vom Meister eine entsprechende Erfahrungen und Improvisationstalent, wenn die Spieler mit Ideen und Wegen aufwarten, die er nicht beachtet hat.
Aber auch die Spieler sind entsprechend gefordert, sich einzubringen. Auch wenn die Regeln selbst eher einfach gehalten sind und nur einen gewissen Rahmen bieten, der für den Zufall und unvorhergesehene Umstände verantwortlich ist, so sollten die Gruppen deshalb doch schon ein wenig Erfahrung haben oder zumindest den Willen, sich nicht all zu sehr an ihre Datenblätter zu klammern.
Gerade im Hintergrundsteil erwartet den Spielleiter eine Fülle an Informationen. Er wird aber auch feststellen, dass er in manchen Bereichen an Grenzen stößt und selbst recherchieren muss, was aber durch das Internet kein Problem sein dürfte.
In einer Zeit, in der das Erstellen von Charakteren für ein Pen-und-Paper-Rollenspiel Stunden dauern kann, ist „Private Eye“ angenehm zurückhaltend und regeltechnisch detailarm geblieben.
Vor allem wenn man schon eine bestimmte Vorstellung vom Hintergrund seines Charakters und der viktorianischen Epoche hat, ist er schnell zusammengestellt.
Und wem noch Inspiration fehlt, der sollte sich von diversen „Sherlock Holmes“- oder „Jack the Ripper“-Verfilmungen wie „From Hell“ inspirieren lassen.
Alles in allem bietet „Private Eye“ die Möglicheit für atmosphärisches Rollenspiel, in dem Kombinations- und Beobachtungsgabe, spezielle Fähigkeiten wie Diplomatie und Charme oder vielleicht sogar besonderes Wissen weitaus wichtiger sind als körperliche Stärke und ausgefeilte Waffen.
Allerdings muss der Spielleiter wesentlich mehr Arbeit in die Ausarbeitung der Fälle legen als in anderen Systemen. Wenn er aber eine interessierte Gruppe hat lohnt sich die Mühe.

Das macht „Private Eye“ zwar nur bedingt zu einem Rollenspiel-System für blutige Einsteiger, es kann aber mit einem erfahrenen Meister und zumindest ein oder zwei älteren Spielern, die mit der ungewohnten Erzählweise vertraut sind, durchaus auch mit Neulingen gespielt werden. Vor allem Fans der spätviktorianischen Epoche werden an dem atmosphärisch gestalteten Hintergrund ihre Freude haben.

Datenbank:0.0028 Webservice:0.0810 Querverweise:0.0152 Infos:0.0008 Verlag,Serie:0.0009 Cover:0.0001 Meinungen:0.0008 Rezi:0.0002 Kompett:0.1022

 

Wertung

 

Gesamt:

(Extrem gut)

Schwierigkeit:

(Anspruchsvoll)

Spielspaß:

(Fesselnd)

Brutalität:

(Vertretbar)

Aufmachung:

(Extrem gut)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Serie:

Private Eye

Autor:

Bayer, Thilo

Verlag:

Redaktion Phantastik, Bochum

Erschienen:

Okt. 2008

Kritiker:

Arielen

ISBN:

3-000-25694-6

ISBN(13):

978-3-0002-569-3

EAN:

9783000256943

Typ:

Hardcover

 

Thilo Bayer

 

Thilo Bayer gehört in Deutschland zu den Rollenspielautoren der ersten Stunde, die aktiv an der deutschsprachigen Rollenspielszene mitwirkten. Bekannt wurde er durch sein Detektivrollenspiel "Private Eye", das im Viktorianischen Zeitalter spielt und an Cthulhu angelehnt ist. Das Rollenspiel erschien 1990.

Thilo Bayer ist nicht mehr im Bereich der Rollenspiele aktiv. [mehr]

 

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