 | Mitternachtskinder Rushdie, SalmanRezension von Iwan Gasser Dies ist die Geschichte und Familiensaga von Saleem Sinai, dessen Schicksal untrennbar mit dem seines Heimatlandes Indien verbunden ist. Zuerst wird allerdings seine Herkunft und Abstammung beleuchtet. Der Roman beginnt 1919 und erzählt zu Beginn von Saleems Grossvater, einem Arzt, der seine Frau kennenlernt, indem er sie immer wieder untersucht und dabei jeweils nur Teile ihres Körpers zu Gesicht bekommt. So bildet sich aus der Summe der Einzelteile eine Familie mit einem Sohn und drei Töchtern, wovon eine später Saleem’s Mutter sein wird. Am 15. August 1947, Punkt Mitternacht, Indien erlangt die Unabhängigkeit von der Besatzungsmacht Grossbritannien. Genau in diesem Moment kommt Saleem Sinai, der Chronist und Held dieser Geschichte, in Bombay auf die Welt. Durch diesen historischen Augenblick seiner Geburt ist Saleem mit einer besonderen Fähigkeit ausgestattet. Er kann nämlich die Gedanken anderer lesen und auch vermitteln. Eines Tages findet Saleem heraus, dass es andere Kinder gibt, die zu dieser Stunde geboren wurden. Je weiter weg sie von dieser magischen Mitternacht geboren wurden, umso schwächer sind ihre Talente, doch besitzen sie ebenfalls alle besondere Fähigkeiten. So können andere Kinder unsichtbar werden, haben grosse Körperkräfte oder sind imstande, durch die Zeit zu reisen. Da Saleems Eigenschaft jedoch die Herausragenste zu sein scheint, wird er im wörtlichen Sinne so etwas wie der Kopf der Mitternachtskinder, indem er alle darin vereint und somit sozusagen ein Forum für alle bietet. Seine Absicht ist es nämlich, diese gewaltigen Kräfte nutzbringend für Indien einzusetzen. Bald einmal wird klar, dass er nicht der einzige ist, der genau zur Mitternachtsstunde geboren wurde, denn es gibt ein zweites Kind, Shiva. Dieses wurde in ärmlichen Verhältnissen geboren und es stellt sich zudem raus, dass die beiden bei der Geburt versehentlich vertauscht wurden. So wird Shiva zu Saleems grossem Rivalen.
Der Zusammenhalt der Mitternachtskinder zerbricht und Saleem verliert zudem seine Fähigkeit durch eine Nasenoperation… Saleem fürchtet nun, umsonst gelebt zu haben und versucht durch die chronologische Erzählung seiner Familiengeschichte, seinem Leben die Bedeutung geben zu können, die es seiner Ansicht nach verdient. Die vorliegende Ausgabe von „Mitternachtskinder“ kam als Taschenbuch im Januar heraus. Es ist eine Uebersetzung des englischen Originals „Midnight´s Children“, das 1981 in London erschien. Die persönliche Lebensgeschichte Saleems läuft parallel zur Geschichte Indiens. So erfährt man einiges über die Unabhängigkeitskriege, die Spannungen zwischen Hindus und Moslems sowie die Grenzkonflikte im Kaschmirtal, die ja auch heute noch eine aktuelle Brisanz haben. Erzählt wird die Geschichte von Saleem Sinai in der Ich-Form. Seine grösste Sorge dabei ist es, etwas bei seiner Erzählung zu vergessen, so entsteht einerseits ein enormer Detailreichtum, andererseits werden mögliche Lücken mit grosser Phantasie gefüllt. Dies ist denn auch das Auffallendste an Rushdies märchenhaftem Roman, das untrennbare Verknüpfen von Realität, Mythos, Religion, Geschichte und Fiktion. Den Schreibstil kann man also als magischen Realismus bezeichnen. Die Sprache ist enorm verspielt und phantasievoll. Manchmal lustig, manchmal klar, manchmal verworren und undurchsichtig, doch immer vollgepackt mit überbordender Phantasie, humoristischen Details und bildgewaltigen Botschaften. Rushdie verwendet auch viele Fremdwörter, die jedoch zu einem grossen Teil in den Anmerkungen erläutert werden. Insbesondere bei Begriffen aus der indischen Mythologie und der politischen oder kulinarischen Welt Indiens ist dies eine willkommene Hilfe, ohne die, kennt man die indische Kultur nicht, wohl einiges mehr unverständlich bliebe. Einen grossen Bestandteil in Rushdies Sprache hat zudem der Humor inne, der in den verschiedensten Facetten aufblitzt und manches Schmunzeln entlockt. „Die barsch ausgerichtete, ohne Umschweife über die Seeoberfläche gerufene Botschaft, ausgesprochen von Frauenlippen, die keinen Lange-nicht-gesehen-Gruss lächeln, obwohl Fährmann und Schüler sich ein halbes Jahrzehnt lang nicht gesehen haben, schickt die Zeit in einen sich beschleunigenden, wirbelnden, verschwimmenden Strudel der Erregung.“ ... „ein Mann, so lang wie ein Leben und dünn wie eine Lüge, ein zweiter, der kein Rückgrad zu haben scheint, und ein dritter, dessen Unterlippe vorsteht, dessen Bauch zur Schwammigkeit neigt, dessen Haar ausdünnt und fettet und sich über die Ohren kringelt und zwischen dessen Augenbrauen die verräterische Falte ist, die sich mit dem Alter zur Narbe eines verbitterten zornigen Mannes vertiefen wird." Es ist zwar ein Erzählstrang da, doch gleitet die Geschichte immer wieder in Nebenschauplätze und Details ab. Dies macht die Geschichte zum Teil sehr kompliziert und auch langatmig. Auch ist der ganze Roman ein Netzwerk aus Vor- und Rückblenden. Da kann es schon mal passieren, dass man, will man jede Einzelheit verstehen, sich darin verlieren kann. Gibt man sich nicht jedem Detail hin und begreift einmal, dass nicht jeder Hinweis allzu ernst zu nehmen ist, kann man sich also darauf einlassen, dass sich alles dann zu seiner Zeit zu etwas zusammenfügt, dann ist man beim Lesen dieses Buches sicher schon mal gut bedient. Die enorme Fülle an Personen, Details und Informationen rund um die Kultur, Religion und Geschichte Indiens machen diesen Roman zu einem Erlebnis der besonderen Art. Man fühlt sich hin und her gerissen vom gewaltigen Sog Rushdies, der die Geschichte in einem unglaublichen Elan daherkommen lässt. Dies war mir einerseits eine literarische Freude, andererseits ist „Mitternachtskinder“ keine leicht verständliche Kost. Der Roman war mir in vielerlei Hinsicht zu undurchsichtig und kompliziert. Eine zweite Lektüre wäre auf jeden Fall aufschlussreich. Nichtsdestotrotz hab ich mein Vergnügen beim Lesen von „Mitternachtskinder“ gehabt, denn trotz der Komplexität wirkt die Geschichte sehr sympathisch und humorvoll. Ich kann dieses Buch allen empfehlen, die sich auf die Buntheit Indiens und eine manchmal nicht immer ganz ernst gemeinte Mischung aus Realität und Fiktion einlassen können. Sicher ein grosses Buch der Literatur.
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