Krimizeit: Herr Enderle, stellen Sie sich den Lesern doch kurz vor.

Manfred Enderle: Ich bin 59 Jahre alt, von Beruf Dolmetscher, Übersetzer und Industriekaufmann. Ich bin verheiratet, habe 2 erwachsene Söhne und wohne in Riedheim bei Leipheim (Bayern). Weitere Infos finden Sie auf meiner homepage www.manfred-enderle.de

Krimizeit: Sie sind ein Pilzexperte, sogar eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Darf ich fragen, wie Sie zu diesem Hobby gekommen sind?

Manfred Enderle: Ich betreibe als Amateur seit 30 Jahren aktiv Pilzforschung. Dabei habe ich über 100 Fachartikel in Pilzzeitschriften, sowie 3 spezielle Pilzbücher veröffentlicht. Das letzte ging in 26 Länder und war offiziell nach einem ¾ Jahr schon ausverkauft. An meinem Roman habe ich 6 Jahre intensiv gearbeitet. Während dieser Zeit habe ich, wie es heute so üblich ist, mehrere Kreativschreibkurse besucht. Zur Zeit schreibe ich Lyrik und mache mir Gedanken über meinen nächsten Roman.

Krimizeit: Auf Ihrer Homepage steht zu lesen, dass Sie auch Wald- und Pilztouren anbieten. Was kann man sich genau darunter vorstellen?

Manfred Enderle: Auf diesen botanischen und pilzkundlichen Führungen, die ich hauptsächlich für Volkshochschulen mache, zeige ich interessierten Menschen die heimische Pflanzen- und Pilzwelt. Jeden Herbst mache ich mindestens 8 Pilzführungen.

Krimizeit: Vielen Menschen wird es wahrscheinlich so gehen wie mir: Sie essen gerne Pilze, kennen sich aber absolut nicht mit diesem Thema aus und trauen sich auch nicht wirklich zu, in den nächstgelegenen Wald zu gehen und dort Pilze zu sammeln. Gibt es in Deutschland tatsächlich Pilze, die tödlich wirken können, oder gehört diese Aussage ins Reich der Märchen?

Manfred Enderle: Es gibt in Deutschland mindestens 200 essbare Pilzarten, aber auch 3-4 tödliche. Dazwischen liegt ein Heer von ungenießbaren und schwach giftigen Arten. Der gefährlichste Pilz ist der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides), weil er relativ häufig ist und beim Genuss in etwa jedem 2. Fall zum Tode führt. Der weiße Knollenblätterpilz ist ähnlich giftig, aber ziemlich selten.

Krimizeit: Was würden Sie Interessierten raten? Werden Pilztouren tatsächlich bundesweit angeboten, oder muss man dafür weit reisen? Und wann ist man selbst soweit, giftige von ungiftigen Pilzen zu unterscheiden und selbst sammeln zu gehen?

Manfred Enderle: Ich rate pilzkundlich Interessierten, sich einem geprüften Pilzsachverständigen oder einem Pilzverein anzuschließen. Es gibt auch Pilzschulen, wie z.B. in Hornberg/Schwarzwaldbahn („Schwarzwälder Pilzlehrschau), in denen man Kurse belegen und die Prüfung zum Pilzberater bzw. Pilzsachverständigen ablegen kann.
Um ein pilzkundliches Grundwissen zu erwerben, braucht man mehrere Jahre. Dann kennt man die giftigen „Ecken“ und die schmackhaften Speisepilze. Um 1000 Pilze zu kennen, braucht man aber mindestens 10-20 Jahre. Im Ulmer Raum haben wir bisher ca. 2700 Arten (auch Mikropilze) festgestellt. Diese Arten sind in meinem Buch über „Die Pilzflora des Ulmer Raumes“ aufgeführt und beschrieben.

Krimizeit: Kommen wir zu Ihrem Roman. „Nachtwanderer“ ist ja doch ein eher untypischer Kriminalroman, sondern eher eine Studie über die „Normalbürger“. Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Buch?

Manfred Enderle: Nach 25 Jahren Pilzkunde wollte ich einmal etwas ganz Anderes machen. Ich wollte auch Geld verdienen, weil Pilzkunde und Amateurpilzforschung natürlich nur Geld kostet und keines bringt. Diese Hoffnung hat sich aber als trügerisch erwiesen, denn nur wenige Autoren schaffen es, ansehnliche Beträge zu verdienen. Da muss die Buchauflage schon in die Zehntausende gehen.
Dennoch hat es mir riesigen Spaß gemacht. Der Roman ist eine Mischung aus Krimi, Schelmenroman, Beziehungsroman und naturkundlichem Bildungsroman. Ich habe 6 Jahre Energie in dieses Buch gesteckt und hoffe, dass diese Energie beim Lesen aufleuchtet!
Die erste Auflage war nach nur einem Vierteljahr ausverkauft!

Krimizeit: Bot es sich von vorn herein an, die Hauptfigur, den Krankenpfleger Thomas Graun, ein Pilzexperte sein zu lassen, oder gingen Sie erst anderen Ideen nach?

Manfred Enderle: Nein, für mich kam nur der Pilz- bzw. Naturexperte in Frage, weil man nur über etwas gut schreiben kann, wenn man sich darin gut auskennt. Verquickt habe ich diese Naturkenntnisse mit einem Racheplot, mit Ehebruch, Liebe, Hass und so weiter. Das kann man ja an jeder Straßenecke kennenlernen.

Krimizeit: Wie lange dauerte es von der ersten Idee bis zum fertigen Manuskript? Fanden Sie sofort einen Verlag?

Manfred Enderle: Von der ersten Idee bis zur Publikation hat es 6 Jahre gedauert. Es gibt in einer alten „Spiegel“-Ausgabe einen niederschmetternden Bericht über die enormen Schwierigkeiten, die ein Neuling hat, einen Verlag zu finden. Das kann ich nur bestätigen. Ich habe einige Tingelrunden hinter mir, bis ich endlich auf den Gmeiner-Verlag gestoßen bin. Der hat mich nur genommen, weil er solche lokalen Stoffe sucht.

Krimizeit: Wie Sie mir mitteilten, gibt es Überlegungen, einen weiteren Roman zu schreiben. Können Sie dazu schon konkrete Angaben machen, oder ist es bisher nur ein Gedanke?

Manfred Enderle: Ich habe schon einen Plot im Kopf, aber derzeit beschäftige ich mich noch sehr intensiv mit dem lokalen Marketing meines Romans. Es kommt für mich natürlich nur eine Umweltkrimi in Frage. Und da gibt es ja faszinierende Möglichkeiten (denken Sie an den „Schwarm“ von Schätzing).

Krimizeit: Auf Ihrer Homepage ist zu lesen, wie sehr Sie sich um Leser bemühen. Seit Erscheinen von „Nachtwanderer“ sind Sie auf vielen Lesungen anzutreffen. Würden Sie sagen, dass ein Teil des Erfolgs Ihres Romans auch auf diese Veranstaltungen zurückzuführen sind?

Manfred Enderle: Mit Sicherheit. Ich möchte behaupten, dass 70 % Marketing und Werbung ist. Wenn das Buch nur in ein paar Buchhandlungen liegt und keiner weiß davon oder keiner kennt den Autoren, dann sehen sie alt aus. Ich habe Gott sei Dank durch mein riesiges Pilznetzwerk sehr viel Kontakt mit den hiesigen Medien. Die haben auch bereitwillig über meinen Roman berichtet. Im Gegenzug erhalten sie von mir jedes Jahr Informationen zu den Pilzen.

Krimizeit: Vielen Dank für das Interview.